hamburg vor weihnachten.

im dauernden angesicht der gewalt verkommt die wut irgendwann zur sprachlosigkeit, zu einer überforderung, dem bewusstsein der eigenen ohnmacht zu entkommen, ganz abgesehen davon, dass ein entkommen objektiv sowieso nicht möglich ist, nicht mit steinen, nicht mit flaschen und mit friedfertigkeit genauso wenig. denn ein unterschied wird ja doch nicht gemacht, und der polizeiknüppel unterscheidet nicht zwischen „friedlich“ und „nicht friedlich“, die presse eh nicht. das vorweihnachtliche hamburg hat sich am 21. dezember von seiner beschissensten seite gezeigt, und schuld daran ist die polizei.
wenn man jedoch von der polizeigewalt am samstag redet, wird sofort gefragt, was denn mit der gewalt der demonstrant_innen sei. damit kein missverständnis aufkommt: ja, es sind sachen geflogen, es wurden bullen verletzt, und es gab ekelhaftes rumgemacker, das ich von leuten aus der linken szene nicht erwarten möchte. das sind die fakten, auf der einen seite, die wohl auch niemand bestreitet. nur: die präsenz einiger solcher leute rechtfertigt eben nicht, einen polizeieinsatz aufzufahren, der staaten, die wir immer so gerne autoritär nennen, alle ehre gemacht hätte.
die andere, die strukturell abgesicherte und legitimierte seite der gewalt also: die polizei. wie mit ein bisschen internetrecherche und ein paar recht eindeutigen videos herauszufinden ist, wurde die demo nach den ersten paar schritten getoppt, so dass man von einer demonstration gar nicht mehr reden kann, und zwar, ohne dass zu diesem zeitpunkt ein angriff auf die polizei stattgefunden hätte. wahrscheinlich ist, dass die demo niemals die schanze verlassen sollte und deshalb mit einem angeblichen missachten der guten deutschen pünktlichkeit der dümmste vorwand, den man sich überhaupt ausdenken kann, vorgeschoben wurde, wie diese hässliche polizeisprecherfresse im ndr und sonst wo, ohne sich überhaupt irgendeines zynismus verdächtig zu fühlen, behaupten kann.
danach wurden wir, die wir auf flora-höhe unsere paar schrittchen taten, ruckizucki in einen kessel in der juliusstraße gedrängt, in dem es ungefähr so eng war, dass mir das, was vor ein paar jahren auf der loveparade passierte in dem moment nicht sehr unwahrscheinlich vorkam. ein solches vorgehen der bullen ist einfach nur aufs äußeste unverantwortlich und nimmt tote billigend in kauf. und auf einmal ist da nichts mehr zwischen uns vereinzelten, verzweifelt nach hinten drängenden und einer mit gezogenen schlagstöcken in richtung unserer rücken stürmenden bullenkette. man kann nicht mehr viel denken, wenn der gedanke, innerhalb der nächsten sekunden einen bullenknüppel im rücken zu haben, alles andere dominiert. es bleibt nur noch angst und der glücklicherweise gedankenlos funktionierende selbstschutzmechanismus des körpers. geschafft haben wir es noch, in der menge zu verschwinden, aber das bild der näherkommenden schlagstöcke und des gewaltbereiten bullenmobs, das bleibt.
irgendwann, vielleicht nach ein paar stunden, wird der kessel aufgelöst und die menschen bewegen sich eine straßenecke weiter, wo wiederum schluss ist. demo wird also definitiv nix mehr, aber daran hat auch niemand mehr geglaubt. dann also auf nach st. pauli, wo die kundgebung vor den ein paar tage zu vor geräumten esso-häusern im vorfeld schon verboten wurde. recht auf meinungsäußerung is also auch nicht. das bild, das sich auf st. pauli bot, war schon ziemlich bizarr, der ganze kiez voller blaulicht, einige demonstrant_innen, dazwischen die lichter des weihnachtsmarkts und unbeirrte konsument_innen. die bullen stürmen die weihnachtsmarktbesucher_innengesäumte straße entlang und treiben uns weiter hoch, weg von der reeperbahn, die esso-häuser sind eh von gittern umgeben. die situation beruhigt sich wieder etwas, verletzten wird geholfen, wir sind etwas unschlüssig und unkoordiniert. auf einmal fangen die bullen wieder grundlos an, zu jagen, zufällig in die richtige richtung der straße eingebogen, die falsche seite hätte bedeutet, in einen kessel zu getrieben zu werden, in dem die demonstrant_innen größtenteils pauschal in gewahrsam genommen wurden und der noch bis in die frühen morgenstunden andauerte. die tatsache, dass das glück unglaublich oft auf unserer seite stand und die situation immer genauso gut in der größten scheiße hätte enden können, zeigt wiederum, wie kontingent die gewalt dort ausgeübt wurde. immerhin schaffte der recht auf stadt lauti es, eine kundgebung mit einigen leuten vor den esso-häusern durchzuziehen.
für mich wars das dann, weil weihnachten im knast aus familiären gründen definitiv nichts ist, was ich mir leisten könnte und mein maß an gewalt, mit dem ich an einem tag konfrontiert werden kann, begrenzt ist und es am samstag definitiv voll war, obwohl wir körperlich, was ausgesprochen verwunderlich ist, sehr gut davon gekommen sind. unzähligen anderen demonstrant_innen, der EA spricht von mindestens 500, ist es aber ganz und gar nicht so ergangen, was auch immer gern verschwiegen wird, nachdem die plakativen 80 verletzten polizist_innen schon so schön die presseschlagzeilen geziert haben.

was bleibt, ist wieder einmal die erkenntnis, dass demokratie nur so weit gehen darf, wie sie mit den herrschenden interessen in einklang gebracht werden kann, das hat man im frühjahr in frankfurt gesehen und gestern sogar noch eine spur drastischer. demonstrationsfreiheit ist in diesem staat offenbar ein recht, das nicht allen menschen zur verfügung steht, und wenn diese menschen eben von einer sensationsgeilen berichterstattung schon im vorfeld zur hälfte als „gewaltbereit“ stigmatisiert werden, ist das halt ein prima vorwand um mit einer gezielten eskalationsstrategie genau die bilder zu provozieren, die man sich im vorfeld schon gar nicht anders gewünscht hat.
was bleibt, ist der hass auf die hamburger regierung, denn dass dieser einsatz politisch gewollt war, wird wohl niemand bestreiten, aber angesichts der menschenverachtenden politik der hamburger spd gegen die lampedusa flüchtlinge ist es irgendwie auch nicht mehr weiter verwunderlich, dass sie in bester csu/cdu manier immer schön draufhauen, und die netten bayrischen import-bullen wissen ja sowieso, wies geht.
was bleibt, ist eine berichterstattung, die schon im vorfeld übelste hetze betrieben hat und eine stimmung der angst erzeugt hat; in der als gewalt fast immer das verhalten der demonstrant_innen bezeichnet wird; die mich und alle anderen demonstrant_innen einfach unter „randalierer“, „chaoten“ und so weiter einordnet und damit ihre sprachlich manifestierte version der realität in den köpfen ihrer linksliberalen bis mitte-rechten leser_innenschaften konstruiert. sobald die gewalt jedoch rechtlich legitimiert und mit schlagstöcken uniformiert auftritt, benennt man sie nicht mehr als solche und die strukturelle gewalt als solche zu erkennen, die menschen etwa mit der räumung der esso-häuser oder den lampedusa- flüchtlingen jeden tag angetan wird, und die ihre wurzel in den verhältnissen findet, ist sowieso zu viel verlangt.

ein wenig hilft es, die ohnmacht und die traurigkeit mit worten zu bekämpfen, mir hilft es auf jeden fall mehr, als irgendwelche steine zu werfen. übrig bleibt die wut und die angst, die angst vor einem staat, dessen gesicht im zweifel die gestalt einer bullenhorde hat, die mit gezogenen knüppeln auf mich zustürmt.
denn eines ist sicher, lange wird es nicht dauern bis zum nächsten mal, denn bei aller wut, die bleibt, sollte man auch nicht vergessen, dass solche polizeieinsätze ja offenbar keine ausnahme sind, dass es vielleicht ein besonders krasser fall von gewalt war, eine angemeldete demonstration zu verhindern, während man alles in bewegung setzt, um nazis ungestört durch die stadt laufen zu lassen, aber der entzug des demonstrationsrechts bestimmter, willkürlich stigmatisierter menschen vielmehr die normalität in der kapitalistischen demokratie darstellt. ein bisschen systemkritk gerne, aber nur, wenn sie nicht wehtut und sie sich am besten hintenrum noch wunderbar fancy vermarkten und zu profit verwurschten lässt, denn für den schönen schein der subversivität zahlen wir doch alle gerne, aber was verändern – nö danke. auch wenn von den 8 bis 10.000 leuten vor der roten flora nicht der hauch einer gefahr für die verhältnisse ausgeht (ganz abgesehen davon, dass ich mir mit einigen anwesenden sicherlich keine befreite gesellschaft vorstellen möchte), so zeigt sich doch, dass offenbar genug angst herrschte, um den schönen schein der verhältnisse aufzugeben und man weiß eben wieder einmal ganz genau, welcher platz denen, die sich mit der marktkonformen demokratie nicht arrangieren wollen von dieser zugewiesen wird: nämlich im zweifel der im kessel oder in der gesa.

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